Einblick in Kambodschas Vergangenheit

Einblick in Kambodschas Vergangenheit

Im friedlichen Kambodscha, in das wir uns mittlerweile ein wenig verliebt haben, erreichen wir die Hauptstadt Phnom Penh am späten Nachmittag und planen gleich unsere nächsten Tage. Es steht ein prägender Teil der Geschichte Kambodschas auf dem Programm und dieser ist nicht ohne…

Während der fast vierjährigen Diktatur der Roten Khmer unter Pol Pot zwischen 1975 und 1979 starben schätzungsweise über 2 Millionen Kambodschaner (fast ein Drittel der damaligen Gesamtbevölkerung) durch Krankheiten, Hunger und einem grausamen Genozid. Kambodschaner töteten Kambodschaner! Wir versuchen uns lesend mit der Geschichte Kambodschas auseinander zu setzen, doch es ist schwierig und bereitet Mühe uns vorzustellen was hier in diesem wunderbaren Land bis vor 34 Jahren geschehen ist…

Um diesen Teil von Kambodschas Vergangenheit besser zu verstehen, besuchen wir das Tuol Sleng-Genozid-Museum. Wir stehen vor dem Eingang und ein mulmiges Gefühl macht sich in der Magengegend breit. Wir betreten die Anlage, es herrscht eine eigenartige fast schon friedliche Stimmung während rundherum das Leben auf Phnom Penhs Strassen vibriert.

Das ehemalige Foltergefängnis der Roten Khmer, auch S-21 genannt, steht mitten in Phnom Penh und wurde bevor die Roten Khmer an die Macht kamen als Schule benutzt. Die Klassenräume wurden zu Gefängniszellen und Folterkammern umgewandelt.

Tuol Sleng heute! Der Galgen und die Tonkrüge wurden zur Folter verwendet_P1040317

Tuol Sleng heute! Der Galgen und die Tonkrüge wurden zur Folter verwendet

Pol Pot und sein Terror-Regime wollte alle Intellektuellen des Landes auslöschen, sprich ermorden und alles Städtische zerstören. Innert weniger Tage deportierten die Roten Khmer die gesamte Bevölkerung von Phnom Penh (2 Millionen Einwohner!) aufs Land und die Hauptstadt wurde zu einer Geisterstadt. Nur schon auf diesem langen Marsch starben Tausende. Wer überlebte kam in Arbeitslager und musste seine komplette Individualität ablegen. Es durften keine Gefühlsäusserungen wie Freude, Trauer oder Angst gezeigt werden und auch Bezeichnungen wie Vater oder Mutter wurden verboten und durch Kamerad ersetzt. Das ganze Land glich schon bald einem riesigen Arbeits- und Gefangenenlager.

Ins S-21 wurden Leute gebracht die verdächtigt wurden gegen das Regime zu sein. Um niemanden zu hinterlassen der später Rache nehmen könnte, wurde auch gleich noch die ganze Familie mit Kindern inhaftiert. Unter schlimmsten Foltermethoden wurden falsche Geständnisse erzwungen oder die Inhaftierten dazu gebracht auch Verwandte und andere Familienmitglieder zu beschuldigen.

Türen die zum Tode führten_P1040299

Türen die zum Tode führten

Schweigend betreten wir die vier 3-geschossigen Gebäude welche den Gefängnis-Komplex bildeten. Einige Geschosse sind mit kleinen, dilettantisch gemauerten Einzelzellen ausgestattet, andere mit fast schon handwerklich gut ausgeführten Holzzellen. Auf anderen Geschossen finden wir leere Räume vor welche die beklemmende Ohnmacht und der Irrsinn der hier stattfand fast am eindrücklichsten zum Ausdruck bringen.

In diesem Raum wurde gefoltert und getötet!_IMG_3669

In diesem Raum wurde gefoltert und getötet!

In einigen Räumen stehen metallene Bettgestelle, darauf meistens eine verrostete Munitionsbox und eine Kette. An der Wand eine Schwarzweiss-Fotografie eines Gefangenen der in diesem Raum, eben auf diesem Bettgestell zu Tode gefoltert wurde. Der schwarze Fleck unter dem Bettgestell auf dem Bild wurde weggewischt, doch durch die grosse Anzahl an zu Tode Gefolterten verfärbten sich die Fliessen durch das Blut stellenweise dunkel. Der Blick schweift durch den Raum. Dunkle Flecken fast in jeder Ecke, abgesplitterter Verputz an den Wänden. Was hier genau vor sich ging wollen wir eigentlich gar nicht genau wissen, können uns dem vergangenen Schrecken doch kaum entziehen und gehen bedächtig von Raum zu Raum.

In Worten nicht zu beschreiben..._IMG_3665

In Worten nicht zu beschreiben…

Wir versuchen uns vorzustellen, was in den Köpfen der Gefangenen vorging als sie hierhergebracht wurden, doch das misslingt uns gewaltig und übersteigt unsere Vorstellungskraft zu was Menschen fähig sind. Die Roten Khmer protokollierten und fotografierten jeden Inhaftierten genausten. Ein Raum zeigt hunderte von Portraits der Gefangenen die hierherkamen und den Ort nicht mehr lebend verliessen. Alte Leute, Frauen, Kinder…

Zum Tode Geweihte_IMG_3671

Zum Tode Geweihte

Die Foltermethoden und die dazu verwendeten Geräte und Gegenstände waren so simpel, das der Zweck deren Verwendung und die Qualen welche damit verursacht wurden unbeschreiblich grausam war.

Von den schätzungsweise bis zu 20‘000 Gefangenen im S-21 überlebten die wenigsten. Die Überlebenden waren dennoch zum Tode geweiht und wurden in das etwa 10 km ausserhalb von Phnom Penh liegende Killing Field-Choeung Ek transportiert um dort getötet zu werden. Die Roten Khmer errichteten über 300 solcher Killing Fields in ganz Kambodscha.

Wir verlassen das Tuol Sleng-Gefängnis und fahren mit einem Tuk Tuk dieselbe Strecke zum Killing Field-Choeung Ek wie die Gefangenen von damals. Dann stehen wir vor dem Eingang und bekommen einen Audio-Guide welcher uns durch die Anlage führt. Schon von weitem sehen wir die Gedächtnis-Stupa die als Erinnerung an die hier Ermordeten errichtet wurde. Im Innern werden Totenschädel und menschliche Knochen aufbewahrt welche damals die Felder übersäten und auf denen wir nun heute gehen werden.

Vor der Stupa_P1040375

Eingang zur Gedenk-Stupa

Gestapelte Schädel_P1040372

Im Innern der Stupa gestapelte Schädel und weitere Gebeine

Die bewegende Stimme des Audio-Guides erzählt uns, dass nur schon hier in Choeung Ek bis zu 17‘000 Menschen umgebracht wurden! Eine unvorstellbare Zahl! Munition war zu teuer und so verwendete man Hackbeile, Eisenstangen, Schaufeln… für die Tötung. Die Körper wurden in Gruben gestossen auch wenn sie teilweise noch gar nicht tot waren. Um das Schreien der Sterbenden zu übertönen liessen die Henker der Roten Khmer die Anlage mit Musik beschallen. Wir müssen schwer schlucken als wir den gekennzeichneten Weg gehen, vorbei an den Gruben.

Ein Blick über die Gruben aus denen die Gebeine exhumiert wurden_IMG_3698

Ein Blick über die Gruben aus denen die Gebeine exhumiert wurden

Die Idylle trügt! Unter diesem Feld und dem See befinden sich immer noch Massengräber_IMG_3706

Die Idylle trügt! Unter diesem Feld und dem See befinden sich immer noch Massengräber

Noch heute kommen Knochenreste, Kleidungsstücke und Zähne zum Vorschein nachdem Regen Erde weggewaschen hat. Wenn man den Boden genau betrachtet realisiert man, dass man immer wieder über Knochenfragmente geht. Es ist grauenvoll und uns fehlen die Worte.

Nach dem Regen kommen am Boden Knochenfragmente zum Vorschein_IMG_3714

Nach dem Regen kommen am Boden Knochenfragmente zum Vorschein

Unser Audio-Guide führt uns zum Killing Tree… Der Killing Tree ist ein grosser, stattlicher Baum auf dem Gelände. Sein Verwendungszweck aber grausamst! An ihm wurden Kinder und Babys vor den Augen ihrer Mütter zu Tode geschlagen. Man packte sie an den Füssen und schlug sie mit dem Kopf gegen den Stamm. Danach tötete man die Mutter und warf sie zusammen mit dem toten Kind in die Grube nebenan. Als die Anlage befreit wurde fand man noch Gehirnmasse, Blut und Haare zwischen der Rinde des Baumes. Am liebsten würden wir laut aufschreien!

Der Killing Tree!_IMG_3709

Der Killing Tree!

Als der Rundgang durch die Anlage beendet ist verweilen wir noch einige Minuten vor der Stupa und gedenken der vielen Verstorbenen die hier auf dem Killing Field-Choeung Ek, im Tuol Sleng-Foltergefängnis und in ganz Kambodscha auf so grausame Weise ihr Leben lassen mussten.

 


Kommentare

Einblick in Kambodschas Vergangenheit — 4 Kommentare

  1. Liebe Ndine Lieber Manuel
    Herzlichen Dank für die Karte. Ja, es ist tragisch, dass dieses Volk bei so einer gewaltigen kulturellen Geschichte solch abscheuliche Menschen hervorbringt. Es ist schon einige Jahre her, dass ich in Kambodia war, aber diese Tatsachen erschüttern nach wie vor.
    Ich wünsche euch weiterhin eindrückliche und schöne Ereignisse.
    Liebe Grüsse Irene

    • Hey wow Irene Du überrascht uns ja immer wieder! Wo überall in Asien warst Du eigentlich nicht? ;-) Du bist ja ein richtiges Reisefüdli! :-D Kannst uns ja mal besuchen kommen?
      Die, ohne Frage, tragische Vergangenheit Kambodschas hat uns lange beschäftigt und bleibt in unserer Erinnerung.
      Liebe Grüsse und vielleicht bis bald? ;-)
      Nadine & Manu

  2. Liebe Nadine und lieber Manu, euer Bericht über die Geschichte Kambodschas hat mich zutiefst erschüttert. Ich finde es wichtig und richtig, dass ihr auch Themen aufgreift, die aufwühlen. Liebe Grüsse, Marianne

    • Liebe Marianne,
      uns hat die Vergangenheit Kambodoschas auch sehr betroffen gemacht, obwohl wir im Vorfeld schon ein wenig davon wussten. Aber wenn man dann direkt “vor Ort” ist fährt es einem richtig ein. Danach schauten wir die Menschen Kambodschas aus anderen Augen an und bei jedem der älter als 30 Jahre war, fragten wir uns was für Erinnerungen er/sie wohl an diese schlimme Zeit hat.

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